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Zeitschrift "bella" vom 23.01.2003, Heft 5 (Seite 24/25) von Stephanie Schiller Würde eine Mutter diesem süßen Kind etwas antun? Ja, sagt das Amtsgericht und entzog Uta Schäfer das Sorgerecht für Judith. Der Grund: Die Mutter soll psychisch krank sein. Beweise gibt es nicht, aber die Eltern dürfen ihre Tochter seit Monaten nicht sehen. Wer die Schäfers in ihrem Reihenhaus am Stadtrand von Duisburg besucht, wird im Treppenhaus von vielen Fotos der kleinen Judith empfangen: die ersten Schritte, die ersten Zähne, auf dem Spielplatz, beim Toben. Doch die Idylle trügt. Behörden nahmen der Mutter das Kind weg, weil sie angeblich unter dem Münchhausen-by-proxy-Syndrom, einer psychischen Erkrankung leidet. Ein schwer wiegender Verdacht. Denn er bedeutet, dass Uta Schäfer ihr eigenes Kind vorsätzlich krank gemacht haben soll - mit Abführmitteln. Ist so was überhaupt vorstellbar? Rückblende: Am 29.April 2000 ging es Uta und Bernd Schäfer genauso wie allen jungen Eltern in einem solchen Augenblick. Überglücklich hielten sie ihr Baby im Arm - es war gerade einmal 46 Zentimeter groß, 2400 Gramm schwer, so verletzlich. Uta Schäfer hatte extra Erziehungsurlaub genommen, freute sich auf das Leben mit der kleinen Familie. Doch Judiths Start war schwer. Sie hatte Untergewicht, litt unter einer Trinkstörung, wollte nicht so recht gedeihen. Erst vier Wochen nach der Geburt ging`s endlich nach Hause. Das Familienglück dauerte nur dauerte nur drei Wochen. Judith hatte noch immer erhebliche Trinkschwierigkeiten. Der Kinderarzt riet, unsere Kleine stationär behandeln zu lassen", erzählt Bernd Schäfer. Voller Sorge brachten die Eltern ihre Tochter in die Kinderklinik Kaiserswerth. Eigentlich sollte es ihr dort besser gehen, doch dann infizierte sie sich mit einem Virus. Folge: Durchfall. Man hielt es für besser, die kleine Patientin Ende Juli in die Kinderklinik der Universität Bonn zu überweisen. Auch in Bonn kamen die Ärzte nicht weiter. Alle Untersuchungsergebnisse blieben ohne Befund. Kernspintomografie, Darmspiegelung, künstliche Ernährung - Uta und Bernd Schäfer konnten nicht fassen, was ihr kleines Mädchen alles ertragen musste. Zum Schluß sollte sie sogar für eine Dünndarmtransplantation in eine Spezialklinik nach Paris verlegt werden", erinnern sich die beiden. Solange nicht klar war, woher Judiths Durchfälle kamen, wollten sie der Operation nicht zustimmen. 1. Oktober 2000. Judith sollte endlich entlassen werden. Unendlich erleichtert kamen die Schäfers zu einem abschließenden Elterngespräch in die Uniklinik. Aus ihrer Freude wurde Entsetzen. Man teilte uns mit, dass wir Judith ab sofort nicht mehr sehen dürfen", erzählt Uta Schäfer. Die Begründung: Die Mutter habe ihrer Tochter heimlich Abführmittel gegeben. Sie wolle ihre Tochter pflegen müssen, um so als gute Mutter" Anerkennung zu finden. Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Ohne V o r w a r n u n g hatte die Klinik einen Beschluss des Amtsgerichts Duisburg besorgt, das den Eltern das Sorgerecht entzog. Judith sollte in eine Pflegefamilie. Es hieß, ihr Leben sei bedroht, wenn sie bei uns ist", erzählt Uta Schäfer. Für die Ärzte war die Mutter längst die Schuldige. Das Tragische: Ohne es zu wissen, hatte sich Uta Schäfer in Bonn wie ein typische Münchhausen"- Mutter benommen - sie wich nicht von der Seite ihres Kindes, nahm den Schwestern auf der Station Arbeit ab.... In einem Punkt - darauf legt Uta Schäfer Wert - entsprach sie dem Krankheitsbild nicht: Sie fand die behandelnden Ärzte nicht toll. Im Gegenteil. Oft genug sei sie mit der Behandlung nicht einverstanden gewesen, wollte ihr Kind nicht zum Versuchskaninchen" machen lassen. Bernd Schäfer indes steht zu seiner Frau. Er hält die Vorwürfe für untragbar, will, dass endlich auch die Argumente gehört werden, die für Uta Schäfer sprechen. Und er hofft nach dem Sorgerechtsentzug, der wegen seiner Solidarität mit Uta Schäfer auch gegen ihn ausgesprochen wurde, auf das Oberlandesgericht Düsseldorf. Dort soll der Fall demnächst neu verhandelt werden. Es gibt zu viele Ungereimtheiten", sagt er. So etwa habe Judith auch Durchfall gehabt, wenn seine Frau nicht in Bonn war. Bernd Schäfer sieht offene Fragen: Warum ließ man meine Frau die ganze Zeit bei dem Kind, wenn, wie wir vor Gericht erfuhren, der Professor angeblich schon nach zwei Wochen gewußt haben will, dass sie das Syndrom hat?" Er ist wütend: Es geht doch schon lange nicht mehr um das Wohl von Judith, sondern nur noch darum, den Verdacht gegen uns aufrechtzuerhalten." Notfalls wollen die Schäfers bis vor den Europäischen Gerichtshof, um Judith wiederzubekommen. Wo Judith jetzt ist? Weder die Eltern noch die Pflegemutter, bei der sie bis Mai 2002 war, wissen es. Judith ist anonym untergebracht. Der Grund: Pflegemutter Marion Scheberg hatte den Schäfers tägliche Besuche bei ihrer längst gesunden Tochter ermöglicht: Ist das nicht Beweis genug für Frau Schäfers Unschuld? Sie war jeden Tag bei ihrem Kind, aber nie ist etwas passiert." Nur das: Marion Scheberg verlor ihre Arbeit als Pflegemutter wegen ihres freundschaftlichen Umgangs mit den Schäfers. Als das Jugendamt dahinter kam, holte man Judith ab. Im Kinderzimmer, das Uta und Bernd vor der Geburt so liebevoll eingerichtet hatten, herrscht weiterhin gespenstische Stille. Stimmen der Beteiligten: Das sagt der Kinderarzt Prof. Dr. Lentze: Im Fall Schäfer bin ich als behandelnder Arzt an die Schweigepflicht gebunden. Allgemein gesagt, geht es beim Münchhausen-by-proxy-Syndrom um Kindesmisshandlung. Dafür gibt es Gesetze, denen wir folgen mussten." Das sagt der elterliche Anwalt Gerald Schädlich: Leider reichte im Fall Schäfer allein der Verdacht von Prof. Lentze, um alles ins Rollen zu bringen. Danach wurde nur vorgebracht, was den Verdacht stützt. Dabei werden Tatsachen verneint, etwa eine nachgewiesene Milchzucker-Intoleranz bei Judith. Hoffentlich siegt in der nächsten Instanz die Vernunft." Das sagt der Pfarrer i.R. Hermann Josef Scherer: Ich kenne die Mutter des Kindes von Geburt an. Als Pfarrer der Gemeinde konnte ich sie in allen Phasen ihres Lebens begleiten. Ich habe ihre engagierte Mitarbeit in der Gemeinde geschätzt. Es macht mich betroffen, sie nun in der langen Phase der Unsicherheit zu sehen." |