Zeitschrift "bella" vom 02.06.2004, Heft 24 (Seite 22-25)

Judith darf wieder bei uns sein - endlich!

Vor vier Jahren wurde den Schäfers das Kind weggenommen

Das, was Uta Schäfer passierte, wünscht man niemandem. Fast vier Jahre lang musste sie um ihre kleine Tochter kämpfen, weil ein Arzt behauptete, sie mache Judith krank. In bella erzählt sie vom Glück, endlich Mutter sein zu dürfen.

Wer in seinem Leben mal eine schlimme Erfahrung gemacht hat, weiß, dass es den einen Moment gibt, der alles verändert. Einen Moment, der das Leben in ein davor und danach teilt. Davor ist die Welt noch in Ordnung. Danach stürzt man in einen Abgrund.
Für mich war dieser Moment ein einziger Satz, an den ich mich noch so genau erinnere, als ob ich ihn gestern gehört hätte.
Der Albtraum für meinen Mann und mich begann bei dem Arzt, der unser Baby in der Bonner Klinik behandelt hatte. Er hatte uns, die Eltern, zu einem Abschlussgespräch gebeten. Unserer kleinen Tochter ging es seit ihrer Geburt nicht besonders gut - Trinkstörungen, Virusinfektion, ein nicht zu stoppender Durchfall. Wir sind von Arzt zu Arzt, von Krankenhaus zu Krankenhaus gezogen, aber eine klare Diagnose konnte keiner stellen. Fünf Tage zuvor hat man uns vorgeschlagen, unser Baby nach Paris in eine Spezialklinik verlegen zu lassen, um eine Dünndarmtransplantation durchzuführen. Allerdings, so hatten uns die Ärzte gesagt, gäbe es keinen auffälligen Befund des Darmes. Aber es könnte ja eventuell der Dünndarm sein, der wäre kaum zu diagnostizieren. Und einen Versuch wäre es wert.
Mein Mann und ich waren entsetzt. Wir wollten eine zweite Meinung hören. Deshalb saßen wir nun dort, vor dem Arzt in der Bonner Klinik. Er wollte uns seine Diagnose erklären, dann könnten wir unsere Tochter erst mal mit nach Hause nehmen. Trotz der aufregenden Wochen, die hinter uns lagen, war ich zuversichtlich. Alles würde gut gehen. Dachte ich.
Doch dann beugte sich der Arzt vor und sagte zu mir: „Wir haben das Gefühl, sie leiden an dem Münchhausen-by-Proxy-Syndrom. Sie sind eine Gefahr für ihr Kind. Judith wird erst mal bei uns in der Klinik bleiben."
Ich saß da wie betäubt. Ich glaubte, mich verhört zu haben. Die ganze Situation war so völlig unrealistisch. Was sollte das sein - das Münchhausen-Syndrom? Ich kannte nicht einmal das Wort. Ich merkte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. „Ich bin eine ganz normale Mutter", stammelte ich. Mein Mann drückte mir die Hand. Auch ihm hatte es die Sprache verschlagen. Der Arzt sah mich streng an, als ob er mich zur Ordnung rufen wollte. „Wenn wir es gestatten, dürfen sie ihr Kind besuchen. Aber es kann auch sein, dass sie ihre Tochter gar nicht mehr sehen."
Wir durften Judith noch in ihr Krankenzimmer zurückbegleiten. Dann wurden wir der Klinik verwiesen. Betäubt vor Schmerz, wie in Trance fuhren wir nach Hause, gingen in das leere Kinderzimmer. Starrten in das leere Kinderbettchen. „Ich habe nichts gemacht", sagte ich immer wieder zu meinem Mann. Er nahm mich in den Arm. „Ich weiß, dass du nichts gemacht hast. Das ist alles nur ein böser Scherz. Am Montag haben wir unser Kind wieder."
Doch es sollte fast vier Jahre dauern, bis ich meine kleine Tochter endgültig nach Hause holen konnte. Hätte ich das zu jenem Zeitpunkt gewusst, hätte ich es alles nicht durchgehalten. Wir waren so glücklich gewesen, als ich kurz nach unserer Hochzeit erfuhr, dass ich schwanger war. Ich komme selbst aus einer großen Familie und hatte eine wunderschöne Kindheit. Und so sollte es auch für mein Kind einmal werden. Die Schwangerschaft verlief völlig unproblematisch. Mir ging es gut, ich arbeitete damals als Erzieherin, und nichts deutete auf das Drama hin, das sich ereignen würde. Selbst als unsere Tochter dann ab der 36. Schwangerschaftswoche nicht mehr wuchs und die Geburt verfrüht eingeleitet werden musste, haben wir uns noch keine übermäßigen Sorgen gemacht.
Erst als Judith nicht richtig trank und nicht zunahm, gingen wir auf Anraten des Kinderarztes in die Kinderklinik nach Kaiserswerth, wo Judith sich eine Virusinfektion zuzog, die wiederum diese schrecklichen Durchfälle nach sich zog. Judith wurde nach Bonn verlegt. Sie wurde künstlich ernährt. Sie bekam Medikamente. Die Organe wurden untersucht. Doch der Befund blieb schwammig. Zwischendurch war einmal von einer Laktose-Intoleranz die Rede, aber auch das haben wir erst später erfahren.
Ich saß Tag und Nacht bei meiner kleinen Tochter am Bett, und die Schwestern waren froh, dass ich ihnen die Arbeit abnahm. Aber genau das wurde später als Anzeichen für meine angebliche psychische Erkrankung gesehen und mir zum Vorwurf gemacht. Es sei verdächtig, dass ich immer um mein Kind herum gewesen sei. Mütter, die das Münchhausen-Syndrom haben, zeichnen sich oft durch hohe pflegerische Qualitäten aus, manipulieren aber in Wirklichkeit selbst an ihrem Kind herum, sodass es krank wird, um sich damit bei Ärzten interessant zu machen und Aufmerksamkeit zu bekommen.
Man beschuldigte mich, Judith Abführmittel gegeben zu haben, weil man in ihrem Stuhl Spuren von Sorbit gefunden hatte. Erst später, als wir befreundete Ärzte und Apotheker hinzuzogen, fanden wir heraus, dass Sorbit auch von den Medikamenten herrühren konnte, die man Judith verabreicht hatte. Bei der ersten Gerichtsverhandlung sagte der Bonner Chefarzt: „Diese Mutter ist kriminell. Sie misshandelt ihr Kind." Diese Sätze gingen mir ins Herz wie ein Messerstich.
Wir setzten uns zu Wehr, machten uns kundig, legten Einspruch ein. Doch zunächst kam Judith in eine Pflegefamilie, und ich musste mich einer psychologischen Begutachtung unterziehen, bei der letztendlich herauskam, dass man nicht mit Sicherheit sagen könne, ob ich krank sei oder nicht.

Eineinhalb Jahre blieb Judith in der Pflegefamilie. Immerhin konnten wir sie jeden Tag besuchen und ihren Geburtstag mit ihr feiern. Die Pflegemutter war am Anfang immer dabei, aber irgendwann hat sich auch gemerkt, dass wir nur ganz normale Eltern sind, verzweifelte Eltern, die ihr Kind lieben. Judith wusste immer, wer ihre Mama und wer ihr Papa ist. Leider wurde uns das freundschaftliche Verhältnis mit der Pflegefamilie zum Verhängnis. Am 17. Mai 2002 hatten wir plötzlich einen Anruf vom Jugendamt Duisburg auf dem Anrufbeantworter: Uns sei das Sorgerecht und jegliches Besuchsrecht ab sofort entzogen, hieß es. Die Pflegefamilie hätte nicht mehr genug Distanz zu uns.
Im Nachhinein muss ich sagen, dass hier jedes Menschenrecht mit Füßen getreten wurde. Judith wurde aus ihrer Pflegefamilie herausgerissen und anonym untergebracht. Keiner vom Jugendamt hat sich je die Mühe gemacht, mal persönlich bei uns vorbeizukommen, um zu sehen, wer wir sind. Wir stellten sofort einen Eilantrag beim Oberlandesgericht Düsseldorf. Wir schalteten Juristen ein, die wir kannten, Ärzte, Gutachter, um unsere Unschuld zu beweisen und unser Kind wiederzubekommen. Wir waren in absoluter Panik. Wir hatten uns nicht einmal mehr von Judith verabschieden können.
Und dann haben wir unser Kind eineinhalb Jahre nicht gesehen. Auch mein Mann durfte seine Tochter zunächst nicht besuchen, weil er mir glaubte und nicht den Ärzten. Damals begann ich, an mir selbst zu zweifeln. Ich hatte sogar schon überlegt, mich zu trennen, um wenigstens meinem Mann die Chance zu geben, mit Judith zu leben. Ich weiß noch, wie ich verzweifelt durch die Straßen lief, auf kleine Mädchen in Judiths Alter schaute und dachte: Wenn ich meiner Tochter jetzt begegne, erkenne ich sie vielleicht gar nicht mehr.
Freunde und Nachbarn haben uns in dieser schweren Zeit unterstützt - mit Lichterketten, in Briefen, durch Unterschriftenaktionen. All das hat uns Mut gemacht. Aber es gab noch etwas, das mir in diesen dunkelsten Momenten meines Lebens die Kraft gegeben hat, weiterzumachen. Es gibt ein Babyfoto von Judith, da liegt sie auf einer Decke und macht so eine kleine Faust. Dieses Foto habe ich die ganze Zeit mit mir herumgetragen, und immer, wenn ich kurz davor stand aufzugeben, habe ich es hervorgeholt, es mir angeschaut und zu Judith gesagt: Wir schaffen das. Ich werde um dich kämpfen, bis zum letzten Atemzug. Sie hat mir Kraft gegeben, diese kleine Kinderfaust.
Es sollte noch mal fast zwei Jahre dauern, bis der Fall wieder aufgerollt wurde. Am 10. Februar 2004 fand erneut eine Anhörung statt. Der Richter stellte alles, was vorher gelaufen war, als unverhältnismäßig dar, und mit der gleichen Aktenlage wie damals wurde endlich ein anderes Urteil gefällt. Am 16. Februar 2004 kam der Anruf, dass wir Judith im Heim abholen durften, wo sie inzwischen untergebracht war. Ich hatte einen Kloß im Hals, als ich mit meinem Mann dort ankam. Judith sprang die Treppe hinunter. „Guck mal, wer da ist", sagte die Frau aus dem Kinderheim. „Der Papa!", rief Judith begeistert, ist zu meinem Mann gelaufen und hat mich gar nicht beachtet. Das war schlimm. Plötzlich hatte ich Angst, was man Judith wohl erzählt hatte. Deine Mama ist böse? Aber in diesem Moment drehte sich Judith zu mir um und sagte: „Mama, soll ich dir mein Zimmer zeigen?" Mit klopfendem Herzen ging ich mit ihr nach oben. Und dann sagte sie plötzlich: „Mama, ich will dich küssen!" Da sind mir die Tränen in die Augen gestiegen, mein Herz floss über vor Liebe, und ich habe sie endlich in die Arme genommen. Als wir wieder unten waren, fragte Judith: „Darf ich jetzt für immer bei euch bleiben?" Und dann ist sie mit uns gegangen, als ob nie etwas anderes gewesen wäre.
Inzwischen sind drei Monate vergangen. Am 29. April hat Judith ihren 4. Geburtstag gefeiert - zum ersten Mal zu Hause. Die ganze Familie war da, Freunde, die erste Pflegefamilie. Abends hat Judith zu mir gesagt: „Mama, kommt noch mal ein so schöner Tag in meinem Leben?" Wir genießen jeden Moment, den wir zusammen haben. Aber die Angst im Hinterkopf bleibt, Angst, dass Judith wieder krank werden könnte. Und die Verbitterung darüber, was man uns und Judith angetan hat. Diese drei Jahre gibt uns keiner zurück. Und erst allmählich werden wir wieder daran glauben können, was wir sind: eine glückliche Familie. Mutter, Vater, Kind.

Protokoll: Daniela Bentele-Hendricks

Sie haben Uta Schäfer geholfen
Die Pflegeeltern, Detlef und Marion Scheberg:
„Gegen die Ämter ist man macht- und hilflos. Wir waren damals total schockiert, als Judith ohne Vorwarnung innerhalb von eineinhalb Stunden von der Sozialarbeiterin und dem Amtsrichter, der verfügt hatte, dass Judith anonym untergebracht wird, aus unserer Familie herausgeholt wurde. Wir freuen uns natürlich, dass Judith jetzt endlich zu Hause ist, aber das hätte alles nicht so lange dauern müssen. Viele Eltern würden das nicht schaffen, was die Schäfers geschafft haben. Es ist viel kaputtgemacht worden."

Der Vater, Bernd Schäfer:
„Mir war immer klar, dass wir gegen die Willkür von Ärzten, Jugendamt und Justiz bis zum Ende kämpfen werden. Weil wir ständig das Gesicht unseres Sonnenscheins vor Augen hatten, für den sich alle Demütigungen und Erniedrigungen lohnten. Wir hatten die Kraft, den zermürbenden Kampf durchzustehen - doch was ist mit Eltern oder Alleinerziehenden, die diese Kraft nicht haben? Wie viele Kinder leben zu Unrecht in Heimen?"

Der Großvater, Stefan Reicherts:
„Man hat uns das Umgangsrecht mit Judith verwehrt, weil wir uns von unserer Tochter nicht distanziert haben - das muss man sich einmal vorstellen! Wir haben dagegen geklagt. Da durften wir Großeltern Judith ein Mal im Monat sehen; sie wurde mit dem Taxi zu uns gebracht. Keiner vom Jugendamt ist je zu unserer Tochter gekommen, um sich selbst ein Bild zu machen. Und auch jetzt, wo Judith zu Hause ist, hat sich keiner vom Jugendamt mal erkundigt, wie es geht. Die haben nicht einmal angerufen!"

Der Altpastor, Josef Scherer:
„Ich kenne Frau Schäfer schon von klein auf und halte sie für eine ganz intakte Person. Was da nach Judiths Geburt abgelaufen ist, hat uns sehr traurig gemacht. Als wir hörten, dass Judith endlich zu ihrer Familie zurück durfte, war das für uns fast ein Wunder. Wir haben uns alle sehr gefreut, aber es wird sicherlich noch einiges aufzuarbeiten sein."

Die Freundin, Corinna Arenz:
„Ich habe mit Uta Schäfer vor der Geburt ihres Kindes zusammen im Kindergarten gearbeitet und würde ihr auch meine eigenen Kinder jederzeit und ohne Bedenken anvertrauen. Wir alle waren schockiert darüber, wie schnell man unter solch schlimmen Verdacht stehen kann, wie ihn Uta Schäfer fast vier Jahre lang ertragen musste."