Zeitschrift "bella" vom 18.09.2003, Heft 39 (Seite 60)

bella sagt Bravo!

"Für unsere Pflegekinder tun wir alles"

Marion und Detlef Scheberg aus Duisburg lassen ihr Herz sprechen - und nicht die Bürokratie. Für ihren Mut wurden sie als „Pflegeeltern des Jahres" ausgezeichnet

Marion Scheberg ist eine leidenschaftliche Mutter. Und das nicht nur für ihre beiden eigenen Töchter Lisa und Vanessa, sondern von Zeit zu Zeit auch für Kinder, die ihr das Jugendamt anvertraut. Die Kleinen bleiben so lange, bis sie wieder in ihre richtige Familie zurückkehren können. Marion Scheberg ist damit eine so genannte Bereitschaftsmutter. Ein Beruf, der ihr Spaß macht: „Ich finde es toll, Kindern eine Zeit lang ein Zuhause zu bieten."
Diese Einstellung hatte sie auch, als sie am 19. Oktober 2000 ihr neues Pflegekind Judith abholte. Doch schon eineinhalb Jahre später wurde Judith ihr quasi über Nacht weggenommen - und Marion war den Job los. Was hatte sie falsch gemacht?
In den Augen des Jugendamts etwas Grundlegendes: Sie hatte den leiblichen Eltern von Judith täglichen Besuch gestattet, mehr noch, sich mit ihnen angefreundet. Und das, obwohl Judiths Mutter unter dem Verdacht stand, ihre Tochter misshandelt zu haben. bella berichtete im Januar über den Fall der Uta Schäfer, der ein Arzt das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom attestiert hatte (siehe bella-Ausriss rechts) Uta soll ihrer Tochter gesundheitsschädliche Abführmittel gegeben haben. Die Diagnose gab den Ausschlag: Judith musste weg von den Eltern, kam zu Schebergs.
Als das Jugendamt Duisburg dahinter kam, dass das Ehepaar Schäfer regelmäßig in Judiths neuem Zuhause auftauchte, kündigte es den Bereitschaftseltern. Und das Mädchen kam von einem Tag auf den anderen in eine neue Familie.
Ein schwerer Schlag für die engagierten Pflegeeltern. „Judiths Mutter war fast jeden Tag bei ihrem Kind, aber nie ist etwas passiert", sagte Marion Scheberg damals im Interview mit bella. Uta Schäfer hat ihrem Kind etwas angetan? Diesen Verdacht sah Marion nicht bestätigt.
Bei dieser Haltung blieben die Schebergs auch, als das Jugendamt sie zur Rede stellte. „Wir hätten unsere Kündigung verhindern können, wenn wir unsere Meinung geändert hätten", so Marion Scheberg. „Aber wir wollten niemandem nach dem Mund reden."
Diese Zivilcourage, dieser Mut fiel der "Aktion Rechte für Kinder" auf. „Die Pflegeeltern Scheberg haben sich zum Wohle ihres Pflegekindes den unbegreiflichen Anordnungen des Jugendamtes Duisburg widersetzt", lobt ARK-Vorsitzender Volker Laubert. Er überbrachte den Schebergs die Auszeichnung "Pflegeeltern des Jahres".
Mittlerweile dürfen Vater und Großeltern die Kleine - sie ist inzwischen drei - regelmäßig besuchen. „Das ist, gemessen an dem, was bislang war, ein riesiger Erfolg", findet Marion Scheberg. Sie hat den Kontakt zu Judiths Eltern nie abgebrochen.
Es gibt Situationen, da steht Herz gegen Kopf, Menschlichkeit gegen Bürokratie. Im Fall von Marion und Detlef Scheberg siegte das Herz. bella sagt: klasse! Denn leider passiert das seltener, als man glaubt.
                                                                                                                                       
Stephanie Schiller