Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 10.12.2002
Eltern fühlen sich kriminalisiert
Sorgerecht entzogen: Nur vier Wochen lang waren die Schäfers eine Familie

Von Martin Kleinwächter

Uta (30) und Bernd Schäfer (39) sitzen vor ihrem Couchtisch. Unter der Glasplatte haben sie Utensilien ihrer Tochter Judith (2) gesammelt: Babyschuhe, das erste Armband nach der Entbindung, Spielsachen. Die Eheleute trauern nicht etwa um ein verstorbenes Kind. Judith wurde ihnen abgenommen - von Amts wegen.
Nur vier Wochen lang waren sie eine ganz normale Familie. Aber seit Mai, sagen die Eltern, wissen sie nicht einmal mehr, wo ihr Kind aufwächst. Schon vor zwei Jahren entzog ihnen das Familiengericht das Recht, den Aufenthalt Judiths bestimmen zu können. Bis Mai jedoch konnten sie ihr Kind regelmäßig bei den Pflegeeltern besuchen, mit ihm auch Weihnachten feiern. Dann seien die Pflegeeltern beschuldigt worden, zu sehr mit den Schäfers zu halten, so die Eltern. Auch sie mussten das Kind abgeben. Wenn die Eltern bei den Behörden nachfragen, wie es ihrer Tochter geht, heiße es nur „gut". Mehr nicht.
Uta Schäfer soll am so genannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leiden. Einer heimtückischen psychischen Erkrankung, bei der Mütter ihre Kinder selbst schädigen, um dadurch die Aufmerksamkeit, etwa von Ärzten, auf sich zu lenken. Sie soll ihrem Kind Abführmittel gegeben haben. Uta und Bernd Schäfer nutzte es nichts, das vehement zu bestreiten. Denn das gehört mit zu den Merkmalen dieser seltenen Erkrankung.
Die Beweislage, berichten die Eltern, sei so klar freilich nicht. Ein Strafverfahren gegen die Mutter hat es nicht gegeben. Eine positive von insgesamt fünf Stuhlproben des Kindes und ein psychologisches Gutachten, das die Erkrankung bei der Mutter nicht ausschließe, hätten genügt, um sie als Täterin abzustempeln - und den Vater als Mitwisser.
„Judith ist ein Wunschkind", sagen der Industriekaufmann und die Erzieherin. Geboren am 29. April 2000. Wegen einer Wachstumsstörung der Plazenta wog sie bei der Geburt nur 2.400 Gramm. Weil sie nicht richtig trinken wollte, riet ein Kinderarzt, dem Kind in den heißen Sommermonaten 2000 in Kaiserswerth, in der Kinderklinik, Infusionen zu geben.
Dort habe sich Judith einen hartnäckigen Darmvirus zugezogen. Um auszuschließen, dass es eine andere Ursache für den wochenlangen Durchfall gab, wurde sie in die Uni-Klinik nach Bonn verlegt. Zwei weitere Monate vergingen. Uta Schäfer blieb bei ihrem Säugling. Es habe keinen Befund gegeben - nur den Tipp, dem Kind in Paris einen neuen Dünndarm implantieren zu lassen. Aber das lehnten die Eltern ab. Kurz vor der Entlassung aus der Uni-Klinik, Ende September 2000, präsentierten die Ärzte eine Verfügung des Amtsgerichtes Duisburg, wonach ihnen das Sorgerecht teilweise entzogen wurde.