Zeitschrift „mach mal Pause" vom 11.08.2004, Heft 34

Uta und Bernd Schäfer haben 1336 Tage darauf gewartet

Endlich haben wir unsere Judith wieder!

Sie freuten sich so sehr über ihr Baby. Doch dann erlebten Uta und Bernd Schäfer den Albtraum ihres Lebens: Judith wurde ihnen weggenommen. Vier Jahre kämpften sie um ihre Tochter.

„Der Staat hat unsere Tochter gestohlen!" Uta und Bernd Schäfer sind immer noch entsetzt. Dem Ehepaar aus Duisburg ist mit das Schrecklichste widerfahren, was Eltern passieren kann. Ihnen wurde ihre Tochter entrissen. Erst nach 1336 Tagen, knapp vier Jahren, bekamen sie Judith zurück.

Es ist eine ungeheuerliche Geschichte, von der man kaum glauben mag, dass sie in Deutschland passiert ist. Am 29. April 2000 kam Judith zur Welt. Sie war ein schmächtiges Baby, wog nur 2400 Gramm und war nur 45 Zentimeter groß. Es war eine heile Welt, in die sie hineingeboren wurde. Erzieherin Uta (32) und Personalberater Bernd (40) wohnten in einem gepflegten Reihenhaus am Stadtrand von Duisburg und wünschten sich schon lange ein Kind. Uta: „Wir waren so glücklich, als ich kurz nach der Hochzeit erfuhr, dass ich schwanger war. Ich selbst komme aus einer großen Familie und hatte eine wunderschöne Kindheit." Aber ihr Familienglück dauerte nicht mal drei Monate...

Uta Schäfer erinnert sich: „Alles fing so harmlos an." Im heißen Sommer 2000 litt die zarte Judith unter Trinkschwäche. Der Kinderarzt riet, sie in die Düsseldorfer Kinderklinik zu bringen. Dort fing sich das Baby einen Darmvirus ein und bekam Durchfall. Als sich ihr Zustand verschlechterte, wurde Judith in die Uniklinik Bonn überwiesen.

Dort begann das Martyrium, dass das Leben der Schäfers zerstörte. Judiths Durchfall wurde nicht besser. Und irgendwann regte sich in dem behandelnden Professor der Verdacht: Die Mutter verabreicht dem Kind Abführmittel. Er diagnostizierte das „Münchhausen Stellvertretersyndrom", eine psychische Erkrankung, bei der meist Frauen ihren Kindern Verletzungen zufügen, um auf diese Weise Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Eine gewagte Behauptung, doch das Unglaubliche passierte. Ohne Vorwarnung hatte die Klinik einen Beschluss des Amtsgerichts Duisburg besorgt, dass den Eltern das Sorgerecht entzog. Ahnungslos kamen die Schäfers am 1. Oktober 2000 zu einem Elterngespräch in die Klinik. Man hatte ihnen gesagt, Judith würde entlassen. Aber aus ihrer Vorfreude wurde Entsetzen. „Man teilte uns mit, dass wir Judith nicht mehr sehen dürften. Es hieß, ihr Leben sei bedroht, wenn sie bei uns bliebe."

Dann wurden die Schäfers der Klinik verwiesen. Betäubt vor Schmerz fuhren sie nach Hause, starrten auf das leere Kinderbett und konnten es nicht fassen. „Ich habe nichts gemacht", stammelte Uta immer wieder. Bernd nahm sie tröstend in den Arm. „Ich glaube an deine Unschuld."

Tatsächlich gab es Ungereimtheiten. Besagter Professor forschte am Münchhausen-Syndrom, hatte schon mehrere Fälle diagnostiziert. In Judiths Stuhlproben war ein Stoff entdeckt worden, der von Abführmitteln stammen konnte. Aber genauso gut von Medikamenten, die ihr in der Klinik gegeben worden waren. Als Judith von ihren Eltern getrennt war, stabilisierte sich ihr Zustand. Das konnte aber auch daran liegen, dass sie wieder feste Nahrung bekam, nachdem sie wochenlang mit Flüssignahrung gefüttert worden war.

Die Schäfers nahmen sich einen Anwalt, kämpften verzweifelt um ihre Tochter. Doch Judith kam in eine Pflegefamilie. Immerhin ging es ihr dort gut. Sie entwickelte sich prächtig, obwohl die angebliche Täterin Uta täglich vorbeischaute, mit ihr spielte, sie übers Wochenende nach Hause nahm. Pflegemutter Marion Scheberg: „Ich habe den Kontakt zu den Eltern mit gutem Gewissen zugelassen."

Aber eineinhalb Jahre später, am 17. Mai 2002, wurde alles noch schlimmer. Bei den Schäfers blinkte der Anrufbeantworter. Es war das Jugendamt. Uta: „Uns sei das Besuchsrecht entzogen. Die Pflegefamilie hätte nicht genug Distanz zu uns." Judith kam in eine andere Pflegefamilie, später in ein Heim. Selbst ihr Vater, die Großeltern, Tanten, Onkel durften sie nicht besuchen. Keiner wusste, wo die Kleine war. „So einen krassen Fall habe ich selten erlebt", entrüstet sich Volker Laubert (64), Vorsitzender der Aktion Rechte für Kinder e.V. „Da wurde jedes Menschenrecht mit Füßen getreten. Das Kindeswohl schien Ärzten und Behörden völlig egal gewesen zu sein."

Uta: „Wir waren in Panik. Wir hatten uns nicht mal von Judith verabschieden können. Ich weiß noch, wie ich verzweifelt durch die Straßen lief, auf kleine Mädchen in Judiths Alter schaute und dachte: ‚Wenn ich meiner Tochter jetzt begegne, erkenne ich sie vielleicht gar nicht mehr.'"

Freunde und Nachbarn unterstützten die Schäfers in dieser schweren Zeit - mit aufmunternden Briefen, Lichterketten, Unterschriftenaktionen. Wenn Uta nicht mehr konnte, schaute sie sich ein Babyfoto von Judith an, auf dem sie kämpferisch eine Faust ballt. „Das gab mir neue Kraft."

Eineinhalb Jahre kämpften die Schäfers um ihre Judith. Bis ihre Klage am Oberlandesgericht Düsseldorf angehört wurde. Diesmal fällte der Richter ein Urteil, das der kleinen Judith wieder ihre Eltern schenkte. Denn der Richter erklärte: „Das erste Urteil ist unverhältnismäßig."

Am 16. Februar 2004 konnten die Schäfers Judith aus dem Heim holen. Uta: „Ich hatte einen Kloß im Hals, als ich mit meinem Mann dort ankam. Judith sprang die Treppe herunter, sah uns und rief: ‚Mama, Papa!' Wir umarmten uns, weinten." Und unter Schluchzen fragte Judith: „Darf ich jetzt bei euch bleiben?" „Ja, meine Süße", flüsterte Uta, „dich nimmt mir keiner mehr weg."