Nachfolgend eine kleine Zusammenstellung neuerer Medienberichte, die nicht nur die Glaubwürdigkeit und Seriösität des MbpS-"Erfinders" Sir Roy Meadow ins Wanken bringen, sondern auch ein kritisches Licht auf sogenannte "Experten-Gutachten" werfen...

"ZDF politik & zeitgeschehen" vom 04.02.2004

Mütter unter Mordverdacht

Fataler Irrtum in Englands Justiz

Es ist der Albtraum jeder Mutter: am Abend das allen Anschein nach völlig gesunde Baby ins Bett gebracht, am nächsten Morgen ist es tot. Drei ihrer Kinder verlor die Britin Angela Canning auf diese Art und Weise, plötzlicher Kindstod. Ein Schicksal, das auch fast 900 deutsche Familien jedes Jahr ereilt.

Doch was dann folgte, war für die 40-jährige ein weiterer Ritt durch die Hölle. Nachdem 1999 ihr dritter Sohn Matthew starb, fand sie sich als Angeklagte in einem Mordprozess wieder. Sie solle Matthew und ihre beiden vorher verstorbenen Kinder erstickt haben, mutmaßte der Staatsanwalt.

Denn in England galt "Meadows Gesetz". Professor Roy Meadow, führender Experte der englischen Justiz in Sachen plötzlicher Kindstod, hatte eine einfache Regel. „Ein Todesfall ist eine Tragödie. Ein weiterer ist verdächtig. Ein dritter in der gleichen Familie ist ganz sicher Mord." Angela Canning stand unter Verdacht, sie musste ihre Unschuld beweisen, gegen das Urteil des Experten. Am Ende des Prozesses vertrauten die Richter Professor Meadows, Angela Canning wanderte wegen Mord an ihren Kindern hinter Gitter.

Folgenreicher Justizirrtum

Doch ein Urteil hat das Expertentum des Professors ins Wanken gebracht. Eine Apothekerin aus dem englischen Reading, angeklagt wegen dreifachen Kindermords, konnte mit Hilfe ihrer extra aus Indien angereisten Großmutter beweisen, dass der plötzliche Kindstod in ihrer Familie sehr häufig auftritt. Ein namhafter Genetiker räumte ein, dass genetische Ursachen im Spiel sein könnten. Die Richter waren überzeugt, die Apothekerin blieb ein freier Mensch.

Jetzt werden 258 Fälle neu aufgerollt. 258 Mütter, die vielleicht nicht nur den Tod ihrer Kinder verkraften mussten, sondern auch als Mörderinnen gebrandmarkt wurden. „Vielleicht sitzen Dutzende Mütter schuldlos im Gefängnis. Mütter, bei denen der Tod ihrer Kinder schwere Wunden hinterlassen hat", erklärte der Berufungsrichter, der Angela Canning nach vier Jahren auf freien Fuß gesetzt hat. Man habe das "Sudden Infant Death Syndrome", den plötzlichen Kindstod, noch viel zu wenig verstanden. Auf dieser Basis seien die meisten Urteile nicht zu rechtfertigen.

Angela Canning kann es nicht fassen. „Ein Albtraum geht zu Ende. Endlich bin ich wieder mit meiner Familie zusammen."

Zur Adoption freigegeben

Seitdem zieht ein Sturm der Entrüstung über die Insel. Nicht nur, dass unschuldige Mütter weggesperrt wurden: In schätzungsweise 5000 Fällen entzogen Jugendämter in den letzten 15 Jahren Eltern mit plötzlichem Kindstod das Sorgerecht für die übrigen Kinder. Diese wurden zur Adoption freigegeben.

Tragische Fälle, die wohlmöglich nie aufgearbeitet werden. „Ich weiß, dass es traumatisch für mein Kind wäre, nun plötzlich zu mir, einer Fremden, zurückzukommen. Aber was sagt man ihr, wenn sie zwölf oder 13 ist und fragt, warum sie ihren natürlichen Eltern weggenommen wurde?", fragt eine betroffene Mutter anonym im britischen Fernsehen.

ZDF-Korrespondent Ralf Zimmermann von Siefart berichtet über einen Justiz-Skandal, der ganz England in Atem hält: Donnerstag, 05.02.04, 21:15 Uhr.

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"The Daily Telegraph" vom 20.01.2004

258 Babytodesfälle neu aufgerollt
                          ("258 baby deaths to be reviewed")

von Sandra Laville

Die Fälle von mehr als 250 Eltern, die der angeblichen Kindstötung überführt wurden, sollen auf Anordnung des Berufungsgerichts neu aufgerollt werden.

                                                      (...)

In allen Fällen hatte das Gericht Prof. Sir Roy Meadow zum Sachverständigen benannt. Er behauptete, dass ein Babytod eine Tragödie sei, ein weiterer verdächtig und ein dritter ganz sicher Mord - bis zum Beweis des Gegenteils.

                                                      (...)

Sir Roy, der sich einer Überprüfung durch den Allgemeinen Medizinischen Rat wegen schweren Fehlverhaltens gegenüber sieht, war zu keiner Stellungnahme bereit.

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"Telegraph" vom 19.12.2003

Experte in Babytodesfällen des Fehlverhaltens beschuldigt
               ("Expert in baby death cases charged with misconduct")


von Celia Hall

Dem führenden Kinderarzt, der als Experte in drei Gerichtsverfahren tätig war, in denen Mütter fälschlicherweise der Kindstötung beschuldigt wurden, wird vom Allgemeinen Medizinischen Rat schweres Fehlverhalten vorgeworfen.

Professor Sir Roy Meadow wird sich im nächsten Jahr einer öffentlichen Anhörung stellen müssen, sagte der Allgemeine Medizinische Rat gestern. Unterdessen wird den Vorwürfen weiter nachgegangen.

Sir Roy`s Gutachten waren die entscheidenden Beweise in diesen Verfahren. Er war der erste, der das Münchhausen-by-proxy-Syndrom beschrieb, bei dem man Eltern unterstellt ihre Kinder zu schädigen oder Krankheiten vorzutäuschen, um Aufmerksamkeit zu gewinnen.
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"The Guardian" vom 11.12.2003

Experte mit umstrittener Theorie
                 (
"Expert with controversial theory")

von Matthew Taylor

Während Angela Cannings ihr Leben neu zu ordnen beginnt, gerät ein Mann ins Rampenlicht, dessen Expertenmeinung sie einst hinter Gitter brachte. Professor Sir Roy Meadow hatte der Jury am Winchester Crown Court erklärt, dass Mrs Cannings ihre Babys vermutlich erstickt hätte.

Seine umstrittene Theorie, welche besagte, dass ein Kindstodesfall eine Tragödie sei, zwei verdächtig wären und drei ganz sicher Mord, war die nötige Grundlage für die Gerichtsbeschlüsse.

Aber die gestrige Entscheidung ist ein neuer Schlag gegen die Glaubwürdigkeit des ehemaligen Präsidenten des Royal College of Paediatricians.

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Generalstaatsanwältin Harriet Harman hat Sir Roy inzwischen von der Abgabe weiterer Expertisen ausgeschlossen und der Allgemeine Medizinische Rat ermittelt gegen ihn.
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"TIME Magazine" vom 15.09.2003

Wir wissen, dass Sie Ihre Kinder verletzen
                           
("We know You hurt Your kids")

Britische Eltern beklagen, dass durch falsche Behauptungen über angeblichen Kindesmißbrauch ihre Leben zerstört wurden

von Aisha Labi

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Meadow prägte den Begriff des Münchhausen-by-proxy-Syndroms (MbpS) seit seinem 1977 erschienenen Artikel über das Verhalten von Eltern, die, durch Vortäuschen falscher Krankheiten, bei ihren Kindern unzählige schmerzhafte Untersuchsprozeduren veranlassten.

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Aber jetzt gerät Meadow unter Druck. Zwei spektakuläre Kriminalfälle, bei denen er als Experte tätig war, wurden jüngst neu aufgerollt. Sally Clark und Trupti Patel wurden beide des Mordes angeklagt und beschuldigt ihre Kinder erstickt zu haben. Patel wurde im Juni freigesprochen. Der Vorwurf gegen Clark, einer Rechtsanwältin, die wegen Tötung von zwei ihrer drei Söhne 1999 verurteilt wurde und drei Jahre im Gefängnis verbrachte, wurde von einem Berufungsgericht im April fallengelassen.
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Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht weitere 25 Jahre dauern wird, bis die "Fälle" selbsternannter Münchhausen-Experten auch hierzulande kritisch überprüft werden und die Umkehrung (!!) der Beweislast im Familienrecht bald der Vergangenheit angehört.