Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 30.04.2003

‚Fall Judith': Radtour zum Geburtstag

Ganze vier Monate hat Judith Schäfer, die gestern an unbekanntem Ort ihr drittes Lebensjahr vollendete, bei ihren Eltern in Mündelheim verbracht. Dabei stammt das Kind, wie man so sagt, aus gut bürgerlichen Verhältnissen. Aber Uta Schäfer, die Mutter, folgte im heißen Sommer 2000 dem Rat ihres Kinderarztes, den trinkfaulen Säugling zwecks Infusions-Therapie in die Kinderklinik nach Kaiserswerth zu geben. Dort fing das Kind sich einen Darmvirus ein. Der Durchfall wollte nicht aufhören. Die Kaiserswerther empfahlen das Kind nach Bonn, an die Uni-Klinik, weiter. Als sich dort keine andere Ursache für den Dauer-Durchfall fand, konfrontierten die Ärzte die Eltern mit dem Verdacht, Uta Schäfer habe ihren Säugling heimlich selbst mit Abführ-Mitteln gefüttert, um ein krankhaftes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit zu befriedigen. Strafrechtlich wurde dieser Vorwurf nie verfolgt. Judith wurde zu einer Pflegefamilie gegeben, die bald zu der Einschätzung kam, die Verdächtigungen gegen die leiblichen Eltern seien unbegründet. Anderthalb Jahre lang ermöglichten diese Pflegeeltern - gegen die Auflagen des Familiengerichts - einen engen Kontakt der Eltern zu Judith. Daran nahm das Kind keinen Schaden. Als die Behörden davon erfuhren, wurde Judith Mitte Mai 2002 in anonyme Pflege gegeben. Selbst ihrem Vater und ihren Großeltern ist es untersagt, Kontakt zu dem Kind zu haben. Weil sie die Kindesmutter für unschuldig halten. Angehörige und Freunde der Familie halten die Entscheidungen des Familienrichters für skandalös. Aus Protest dagegen fand gestern eine Radtour von etwa 20 Personen von Duissern nach Mündelheim statt. Treffpunkt war die Hedwigstraße, wo der Amtsvormund Judiths, eine Rechtsanwältin, ihre Kanzlei betreibt. Dort konnten Geschenke für das Kind abgegeben werden. Entscheidungen höherer Gerichte in der Angelegenheit stehen noch aus. mkw